Abfahrtszeiten an einer Haltestelle mit aktuellen Verkehrshinweisen.

Offener Brief an DB-Vorstandsvorsitzende zur Funktionalität der Schiene

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) hat sich am 05.11.2025 mit einem offenen Brief an die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG gewandt. Hintergrund sind die anhaltenden Probleme in der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Schieneninfrastruktur, die den Nahverkehr im RMV-Gebiet zunehmend beeinträchtigen.

Liebe Evelyn,
meinen Glückwunsch zu Deiner neuen, verantwortungsvollen Aufgabe hatte ich bereits separat übermittelt. Auch an dieser Stelle möchte ich bekräftigen, dass ich Dir persönlich wie auch für die Region FrankfurtRheinMain meine uneingeschränkte Unterstützung zusichere. Für die Ausübung der neuen Funktion wünsche ich viel Erfolg, Kraft und Gottes Segen.

Der Wirtschaftsstandort FrankfurtRheinMain als einer der wichtigsten Motoren für die wirtschaftliche Prosperität Deutschlands braucht einen starken öffentlichen Nahverkehr. Die erforderlichen und weiter deutlich zunehmenden Instandhaltungs- und Ausbaumaßnahmen werden derzeit unzureichend koordiniert und führen infolgedessen zu erheblichen Einschränkungen mit entsprechend negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Die Qualitätseinpußen nehmen in besorgniserregendem Maße zu, und die derzeitige Entwicklung lässt für die kommenden Jahre eine weitere Verschlechterung zulasten des Nahverkehrs erwarten. Dies würde die ohnehin angespannte Situation zusätzlich verschärfen und die regionale Mobilität in ihrer Gesamtheit ernsthaft gefährden.

Eine einseitige Ausrichtung auf den Fernverkehr kann es nicht geben. Vielmehr müssen Fernverkehr, Regionalverkehr und Güterverkehr gleichberechtigt möglich sein. Bei einer Verbesserung der Qualität ist sicherzustellen, dass auch alle Bereiche Fernverkehr, Regionalverkehr und Güterverkehr davon profitieren.

Unser aller Wohlstand hängt an einer funktionierenden Schiene.

Der Schienenverkehr in Hessen und insbesondere im RMV-Gebiet ist wie kaum ein anderer Raum von den Auswirkungen der Bau- und Instandhaltungstätigkeiten der DB InfraGO betroffen - und das in einer Region, die mit ihrem überdurchschnittlich hohen Verkehrsaufkommen auf der Schiene (Straße und in der Luft) zu den zentralen Verkehrsdrehscheiben Deutschlands gehört. Zwei Drittel aller Fernverkehrszüge fahren durch den Knoten FrankfurtRheinMain, Regional-, Fern- und Güterverkehr müssen sich in weiten Teilen des RMV-Gebiets dieselben Gleise teilen.

Umfangreiche Ausbau- und Instandhaltungsmaßnahmen treffen auf ein schon überfülltes Netz.

Eine starke Schiene ist also essentiell. Der RMV hat die Sanierungs- und Ausbaustrategie der DB InfraGO bislang als Aufgabenträger und Partner vor Ort positiv vollumfänglich begleitet und mitgetragen. Auch die präventive Instandhaltung mittels sogenannter „Container“ ist im Grundsatz nachvollziehbar. Wenn Sperrungen durchgeführt werden, müssen diese jedoch zwingend mit den vorgesehenen Maßnahmen einhergehen - wirkungs- und sinnlose Streckensperrungen sind nicht akzeptabel. Im Zusammenspiel mit konventionell geplanten Baustellen führt die derzeitige Vorgehensweise zunehmend zu einem Gesamtzustand, der kaum noch beherrschbar ist. Das Maß des Erträglichen für Fahrgäste und Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) ist deutlich überstiegen. Über Jahrzehnte gewonnene Fahrgäste wenden sich vom Nahverkehr ab und greifen stattdessen auf das Auto zurück.

Sanierung und Ausbau ist notwendig - kein entweder oder!

Langfristig lässt sich die unzureichende Qualität im Schienenverkehr der Region FrankfurtRheinMain, die maßgeblich auf die Überlastung der Infrastruktur zurückzuführen ist, nur durch einen gezielten Ausbau verbessern. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Achse Fulda — Frankfurt -— Mannheim. Alle Maßnahmen, die diesen Korridor betreffen, müssen höchste Priorität genießen, da ihre Wirkung weit über die Region hinausreicht und für das gesamte deutsche Schienennetz von Bedeutung ist.

Die DB InfraGO scheint den Überblick verloren zu haben. Die Balance zwischen Bauen und Betrieb ist nicht mehr gewahrt.

Der Umfang und die Komplexität der Planungsprozesse führen zu erheblichen Nachteilen im Schienenverkehr und bringen für die Eisenbahnverkehrsunternehmen nahezu unlösbare Herausforderungen in der betrieblichen Ressourcenplanung mit sich. Nahezu täglich sehen wir und unsere Verkehrsunternehmen sich mit weiteren Einschränkungen konfrontiert, die oftmals zu kurzfristig, unzureichend oder widersprüchlich kommuniziert werden. Dies führt zu mittlerweile bestandsgefährdenden wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Verkehrsverträge. Unsere Fahrgäste sind darauf angewiesen, gut informiert zu sein, und eine verlässliche Reisekette vorzufinden. Leider ist dies nicht der Fall, im Gegenteil:

Unsere täglich rund 2,5 Millionen Fahrgäste und hier vor allem die Pendler leiden unter Einschränkungen durch kurzfristige Ausfälle und Fahrplanänderungen, oft „im Regen stehend“ ohne jegliche Information.

Daher fordern wir für sämtliche Ausbau- und Instandhaltungsmaßnahmen:

  • Fristgerechte Kommunikation und Koordination aller Maßnahmen gegenüber RMV, EVU und v.a. Fahrgästen
  • Verlässlichkeit und Planbarkeit der Bau-Zeiträume
  • Möglichst geringe Einschränkungen für unsere Fahrgäste und eine zentrale Information zu allen baulichen Maßnahmen
  • Eine Bündelung von Maßnahmen statt unkoordinierter Einzelmaßnahmen
  • Unabhängig von Baumaßnahmen muss ein verlässliches Mindestangebot an SPNV-Leistungen bestehen

Aus Sicht der Deutschen Bahn sollte es ebenfalls ein zentrales Ziel sein, ein verlässliches und angemessenes tägliches Angebot auf der Schiene sicherzustellen.

Der Blick von der „Eisenbahnplatte“ muss sich zum Fahrgast wenden!

Im RMV sind an ca. 400 Bahnhöfen die regionalen Schienenverkehre mit nahezu 1000 lokalen und regionalen Buslinien verknüpft. Ausfälle und Fahrplanänderungen auf der Schiene wirken unmittelbar über die Wegeketten in die Fläche hinein. Ein verlässliches Angebot der öffentlichen Mobilität muss für die Fahrgäste in unserer Pendlerregion funktionieren. Das anhaltende Nichtfunktionieren des Bahnverkehrs führt zunehmend dazu, dass unsere Fahrgäste die Leistungs- und Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen und damit das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates insgesamt kritisch hinterfragen.

In Anbetracht der Herausforderungen, die Bahn-Infrastruktur zu modernisieren und zu erweitern, gilt es sicherzustellen, dass eine für alle Beteiligte und Betroffene verträgliche Balance zwischen Bau und Betrieb sowie zwischen Fern-, Güter- und Nahverkehren gefunden wird. Dieses Ziel muss zeitnah und im engen Schulterschluss aller verantwortlichen Akteure erreicht werden, um im Interesse der ÖPNV-Kundinnen und -Kunden die Verlässlichkeit und Leistungsfähigkeit des Systems sicherzustellen.

Für den Netzausbau ist eine integrierte und ausgewogene Betrachtung aller Verkehrsträger — Fernverkehr, Nahverkehr und Güterverkehr — zwingend erforderlich. Angesichts der Tatsache, dass täglich deutlich mehr Menschen in unserem Land den Nahverkehr nutzen, ist es nicht hinnehmbar, dass dieser zugunsten des Fernverkehrs zurückgesetzt wird. Der Nahverkehr trägt wesentlich zur Funktionsfähigkeit und sozialen Teilhabe in der Fläche bei und muss daher gleichrangig berücksichtigt werden, auch wenn der Fernverkehr häufig als Aushängeschild der Deutschen Bahn im Fokus steht.

Wir bitten dringend darum, dass zum Gesamtkomplex zeitnah Gespräche und geeignete Formate der Zusammenarbeit initiiert werden, um ein stabiles und verlässliches Fahrplankonzept für die Menschen in der Region FrankfurtRheinMain sicherzustellen.

Aufgrund der absolut chaotischen und unhaltbaren Situation für unsere Fahrgäste im RMV und in Hessen sehen wir uns gezwungen, diesen Brief öffentlich zu machen.

Mit den allerbesten Grüßen
Prof. Knut Ringat
Vorsitzender der RMV-Geschäftsführung
Vizepräsident Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV)

Stand: 05.11.2025


Rhein-Main-Verkehrsverbund GmbH
Pressesprecher Florian Dubbel
Alte Bleiche 7
65719 Hofheim am Taunus

Telefon: 06192 294112
E-Mail: pressestelle@rmv.de