150 Jahre Trambahn in Frankfurt

Der 19. Mai war 1872 Pfingstsonntag. Zwar kam nicht der Heilige Geist über die Frankfurterinnen und Frankfurter, aber der öffentliche Personen-Nahverkehr. Und zwar in Form der ersten Straßenbahn.

Die Bahn, die am 19. Mai vor 150 Jahren vom Schönhof über Bockenheimer Landstraße und Bockenheimer Warte zum Schillerplatz fuhr, der heutigen Hauptwache, war eine Pferdebahn. Sie leitete eine erste Form der Massenmobilität ein, denn Frankfurt „boomte“ in den Gründerjahren und wuchs. Damit veränderten sich die Stadtgesellschaft und ihre Bedürfnisse. Die Straßenbahn erleichterte und ermöglichte den Menschen Wege – auch finanziell – und nahm ihnen Lasten ab.

Die Pferdebahn prägte das Stadtbild allerdings nicht lange. Schon 1904 wurden ihre letzte Linie elektrifiziert, das Zeitalter der „Elektrischen“ hatte  1899 begonnen. Die erste ihre Art war sogar schon 1884 zwischen Sachsenhausen und Oberrad gefahren, später wurde die „Knochenmiehl“ – wenig freundlich, aber wohl ziemlich bezeichnend für den wackeligen Zweiachser, der auf einer Meterspur fuhr – bis in die Nachbarstadt Offenbach verlängert. Insgesamt ist das eine Erfolgsgeschichte, die auch 150 Jahre später noch nicht zu Ende ist.

Der öffentliche Personen-Nahverkehr in der Großstadt Frankfurt hat sich seit Ende des 19 Jahrhunderts immer wieder verändert und selbst neu erfunden. Seine Entwicklung war, obwohl die besagte Erfolgsgeschichte, nicht gradlinig. Der erste Weltkrieg ging nicht nahtlos in die „Goldenen 20er Jahre“ über – die übrigens keineswegs so goldig waren. Der Nachkrieg war nicht nur geprägt von gesellschaftlichen Umwälzungen, sondern lange Jahre auch von Mangelwirtschaft. In den 20er Jahren ergänzte der neue Omnibus die elektrische Straßenbahn und ersetzte sie auf einigen Linien sogar.

1933 bedeutete einen Einschnitt, dessen dramatische Tiefe für viele zunächst nicht erkennbar war. Für einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon, denn sie verloren aus unterschiedlichen Gründen ihre Jobs beim städtischen Verkehrsbetrieb, manche später sogar ihr Leben. Die angekündigten 1.000 Jahre endeten im Mai 1945 in Tod, Elend und Zerstörung von unbekanntem Ausmaß. Die Stadt war ein Trümmerfeld, die Tram und ihre Depots ausgebombt wir viele ihrer Einwohner.

Doch auch davon hat sich die Straßenbahn erholt. Schon am 24. Mai 1945 verkehrten wieder zwei Straßenbahnlinien zwischen Nied und Bornheim und danach war auch der Wiederaufbau des Netzes nicht zu stoppen.

1961 fällte dann die Stadtverordnetenversammlung einen Beschluss, der für Frankfurts Straßenbahn zu einer ungleich größeren Bedrohung hätte werden können, als es Mangelwirtschaft und Zerstörung in den Jahrzehnten zuvor waren: Frankfurt sollte eine U-Bahn bekommen und erhielt sie tatsächlich sieben Jahre später: im Oktober 1968 wurde der erste Abschnitt eröffnet, deshalb „A“-Strecke“ genannt. Es folgte der Systemausbau mit „B“- und „C“-Strecke. Was für die Tram gefährlich war: das Konzept „schienenfreie Innenstadt“, nachdem die Tram verschwinden sollte, der schienengebundene ÖPNV unter die Erde sollte, um so Platz für die autogerechte Stadt zu machen. Zahlreiche Linien fielen dem zum Opfer, letztlich „überlebte“ nur die Altstadtstrecke, denn gegen die Pläne hatte sich rasch Widerstrand geregt.

Seit 2003 wurden wieder neue Tram-Linien eröffnet, der Fuhrpark wird seit 1993/1997 mit dem „R“-Wagen (das erste Niederflur-Fahrzeug in Deutschland), dem „S“-Wagen ab 2003 und dem „T“-Wagen ab März 2022 kontinuierlich modernisiert und jetzt auch zahlenmäßig ausgebaut. Auch die U-Bahn, in Frankfurt muss man korrekterweise von einer im Innenstadtbereich unterirdisch verkehrenden Stadtbahn sprechen, wurde ausgebaut. 64,85 km bzw. 68,67 km sind U-Bahn- bzw. Straßenbahnnetz heute groß. Die Fahrgastzahlen stiegen rasant: 1997, dem ersten vollständigen Betriebsjahr der als GmbH gegründeten VGF, fuhren 136,9 Millionen Fahrgäste mit U- und Straßenbahn, im letzten „Normaljahr“ vor Corona waren 202,5 Millionen. Der Busverkehr wird seit Anfang der 2000er Jahre ausgeschrieben bzw. heute zur Hälfte direkt vergeben, allerdings nicht an die VGF, sondern ihr „Schwesterunternehmen“ ICB.

Für die nächsten 150 Jahre ist der Nahverkehr vielleicht noch nicht gerüstet. Aber seine Bedeutung ist mittlerweile auch dem größten Autofan klar: Wenn wir den Klimawandel verhindern wollen, benötigen wir die umfassende Mobilitätswende. Und davon ist der ÖPNV mit seine Bahnen und Bussen ein unverzichtbarer Bestandteil, denn auf die Idee einer „schienenfreien Stadt“ kommt heuer bestimmt niemand mehr. Die für unsere Zukunft so wichtigen Fragen des Umweltschutzes, der Massenmobilität und der Klimapolitik können nur mit einem Verkehrsmittel gelöst werden, das im Mai 2022 150 Jahre alt wird.

Herzlichen Glückwunsch, Straßenbahn! Um Deine Zukunft brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen!